Täglich treffen im Wareneingang unterschiedliche Lieferungen ein und jede bringt ihre eigenen Begleitpapiere mit. Die manuelle Dokumentation dieser Lieferscheine kostet Zeit und bindet Ressourcen. Um diesen Prozess effizienter zu gestalten, hat sich ein Medizingerätehersteller Unterstützung beim Mittelstand-Digital Zentrum Augsburg gesucht. Entstanden ist ein KI-Anwendungsprojekt, das die Dokumentenflut im Wareneingang nun digital und automatisiert bewältigt.
Medizintechnik aus Mammendorf
Die MIPM Mammendorfer Institut für Physik und Medizin GmbH ist ein 1982 gegründetes Familienunternehmen mit Sitz im oberbayerischen Mammendorf. Das rund 70-köpfige Team hat sich auf die Entwicklung und Herstellung von MRT-kompatiblen medizinischen Geräten wie Patientenmonitoren und Infusionssystemen spezialisiert. Diese Lösungen überwachen Vitalparameter, oder verabreichen Medikamente unter den extremen Bedingungen eines Kernspintomographen und sind weltweit im Einsatz. Entwickelt und produziert wird dabei ausschließlich in Deutschland. Neben der Produktqualität rückt bei MIPM zunehmend auch die Digitalisierung der internen Prozesse in den Fokus.
Der Weg zum passenden Anwendungsfall
Zu Beginn des Projekts mit dem Mittelstand-Digital Zentrum Augsburg gab es noch keine fertige Lösungsvision. Vielmehr durchleuchtete das Unternehmen gemeinsam mit dem KI-Experten Dr. Martin Gottwald und Projektmanagerin Jana Kümmel von fortiss systematisch die bestehenden Abläufe, um konkrete Optimierungspotenziale aufzudecken.
Der Wareneingang erwies sich dabei als idealer Ansatzpunkt. Dort ist eine Begleitdokumentation in Form von Lieferscheinen bei jedem Materialeingang unabdingbar. Die Schwierigkeit im Arbeitsalltag liegt in der Vielfalt, denn jeder Lieferant nutzt ein eigenes Format und das Layout der Papiere variiert stark. Bislang bedeutete dies für das Team einen enormen manuellen Aufwand. Die relevanten Daten aus jedem einzelnen Lieferschein mussten mühsam per Hand ausgelesen, abgetippt und im unternehmensinternen Dokumentenmanagementsystem (DMS) indexiert sowie archiviert werden.

„Das Zentrum hat uns buchstäblich an die Hand genommen und uns dabei geholfen, unser Unternehmen KI-fähig zu machen. Wir wussten anfangs nicht genau, wo die Reise hingeht, aber die gemeinsame Potenzialanalyse war der perfekte Startschuss.“
Jennifer Rosenheimer, Managing Director, MIPM
Automatisierte Dokumentenverarbeitung in der Praxis
Das gemeinsame Ziel war es, die Informationen aus den diversen Lieferscheinen künftig automatisiert auszulesen, dem richtigen Vorgang zuzuordnen und im DMS zu indexieren. Möglich macht dies eine sogenannte OCR-Pipeline.
Anstatt jeden Lieferschein einzeln bearbeiten zu müssen, scannen die Mitarbeitenden im Wareneingang nun alle eingehenden Dokumente gesammelt in einem einzigen Schritt ein. Die eigentliche Fleißarbeit übernimmt das intelligente KI-System im Hintergrund. Es erkennt selbstständig die Dokumentenart, zieht relevante Informationen wie Bestellnummern, Vorgangsnummern oder Lieferanten heraus und legt diese direkt strukturiert im System ab.

Die OCR-Pipeline
Hinter der Abkürzung OCR (Optical Character Recognition) verbirgt sich die optische Texterkennung. Eine OCR-Pipeline beschreibt einen mehrstufigen, automatisierten Prozess zur Verarbeitung eingescannter Papierdokumente. Im ersten Schritt wandelt die Software das Bild in maschinenlesbaren Text um. In den darauffolgenden KI-gestützten Schritten, beispielsweise mittels Natural Language Processing, analysiert das System den Text. Es erfasst den inhaltlichen Kontext und extrahiert gezielt relevante Datenpunkte wie Datum, Lieferscheinnummer oder Einzelpositionen. Moderne Pipelines bewältigen dabei problemlos Dokumente, die zerknittert sind oder völlig unterschiedliche Layouts aufweisen, und verwandeln so unstrukturierte Bilddaten in verwertbare Informationen.
Nahtloses Andocken an bestehende IT-Systeme
Damit die Lösung im operativen Alltag reibungslos funktioniert, stand nach der Entwicklung des Ansatzes die technische Integration im Fokus. Das Projektteam, auf Seiten von MIPM von Phillip Gröbl begleitet, legte großen Wert darauf, dass das KI-System direkt an die bestehenden Prozesse und das Dokumentenmanagementsystem andockt. Es sollte keine isolierte Insellösung entstehen. Vielmehr fungiert die KI nun als unsichtbarer, aber effizienter Helfer im Hintergrund.
„Das Projekt bei MIPM ist ein hervorragendes Beispiel dafür, dass es absolut möglich ist, Künstliche Intelligenz im eigenen mittelständischen Unternehmen zu implementieren und an bestehende Systeme anzudocken – selbst wenn man in diesem Bereich noch nicht so erfahren ist. Man sollte einfach mutig loslegen. Bei Bedarf kann man sich jederzeit an das Mittelstand-Digital Zentrum wenden, um Unterstützung zu bekommen.“
Jana Kümmel, Projektmanagerin im Mittelstand-Digital Zentrum Augsburg
Zeitersparnis und voller Fokus auf die Kernkompetenzen
Der Mehrwert für das Medizintechnikunternehmen zeigt sich deutlich im Arbeitsalltag. Durch den Wegfall der manuellen Indexierung und Archivierung reduziert sich die Arbeitsbelastung im Wareneingang enorm. Die Mitarbeitenden gewinnen wertvolle Zeit zurück. Statt repetitiver Dateneingabe bleibt wieder mehr Raum für das Wesentliche, nämlich die Konzentration auf die eigenen Kernkompetenzen und die Sicherstellung der Produktqualität.
Das Projekt macht deutlich, wie der Weg vom Papier zum intelligenten Datenstrom gelingen kann und ist ein gelungenes Beispiel für den praxisnahen KI-Einsatz im bayerischen Mittelstand.

Video zum Projekt







